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 Kantine

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Sheela Verma

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Anzahl der Beiträge : 89
Anmeldedatum : 28.02.17

BeitragThema: Re: Kantine   Do Nov 01, 2018 8:15 pm

Insgeheim war Sheela unendlich froh, dass sie bisher weitest gehend um die Frage ‚Wie war dein Sommer?‘ herumgekommen war. Wie hätte sie sie auch beantworten sollen? Zum einen hatte sie auf lange Urlaube an exotischen Stränden oder interessanten Städten verzichtet und war stattdessen auf Kongresse gefahren, um ihre Diagnosemethoden der spektakuläreren Fälle vorzustellen und sich fortzubilden. Das galt nur eben nicht wirklich als entspannende Ferienzeit. Auf dem Hof selbst hatte sie ihre Praxiszeiten in der Regel lesend verbracht; die Schüler mussten die Ranch verlassen, die Azubis durften es und für die Lehrer und Mitarbeiter galt das selbe. Es war ruhig gewesen; einige Schürfwunden, eine kleine Prellung und eine leichte Sommergrippe. Im Krankenhaus hingegen war sie weitaus mehr gefordert worden und letztlich hatte sie sich die eine Woche im Yosemite Nationalpark mehr als verdient. Sie war allein gefahren.
Die Was-auch-immer-es-war-Freundschaft mit Alistair war nicht dazu gemacht, gemeinsam in Urlaub zu fahren, und zu Freundschaften, die so etwas erlaubt hätten, war es auf der Ranch trotz aller Bemühungen nicht gekommen. Viele der Angestellten waren mit ihren Pferden sowieso eingeschränkt gewesen oder hatten lange Aufenthalte bei ihren Familien geplant. Aber das war okay gewesen. Sheela war nicht mehr so unsicher, dass eine Woche in der Natur, in einem kleinen Hotel, wo man schnell lockere Bekanntschaften schließen konnte, nicht verkraften konnte. Trotzdem hatte sie sich ein wenig zwischen den Stühlen sitzend gefühlt. Sowohl auf den Kongressen als auch in besagtem kleinen Hotel hatten Männer mit ihr geflirtet; attraktive Männer, intelligente Männer mit einer Passion und Perspektive. Sie war nicht darauf eingegangen. Wegen jenes blonden Mannes mit den Sturmaugen, den Naturgewaltküssen und dem ebenso unberechenbaren Wesen. Sie hatte ihn vermisst und ihn das doch nicht wissen lassen. Sie waren immerhin nicht zusammen. Und trotzdem machte sie sich an dem Tag, an dem auch die Traynors zurückkommen würden, mit Herzklopfen auf den Weg zur Kantine. Auf die Idee, dass sie ihn auch im Cottage hätte erwarten können, war sie nicht gekommen. Vielleicht auch, weil sie wegen der Ungewissheit, was sie jetzt verband und ob er überhaupt an sie gedacht hatte, einen etwas neutraleren Ort zum Wiedersehen nutzen wollte.

So kam es schließlich, dass sie überaus früh in der Kantine war, ihren Lieblingsplatz ergattern konnte und schon in den Nudeln stocherte, als sich eine Person, mit der sie keinesfalls gerechnet hätte, an ihren Tisch setzte. Ohne zu Grüßen. Allein das ließ die Inderin schon eine Augenbraue heben; als sie dann auch noch die dunklen Züge mit den charakteristischen Augenbrauen bemerkte, weiteten sich ihren Augen einen Moment lang vor Überraschung. Immerhin ein Traynor, wenn schon nicht ihr Traynor. Natürlich hatte sie sowohl im Studium als auch auf dem Hof mit Vincent zutun gehabt; immerhin wohnten sie zusammen. Allerdings war ihr Verhältnis nie wirklich warm gewesen und nach dem Zwischenfall auf dem Ball im Sommer hatte sich daran überhaupt nichts geändert. Auch die aufgesetzte Freundlichkeit zeugte deutlich davon. Aber was Vincent konnte, beherrschte sie ebenso. Sie mochte vielleicht keine Wurzeln im Adel der britischen Inseln haben und ihr Familienvermögen hatte sich erst im zwanzigsten Jahrhundert anzusammeln begonnen, aber sie hatte vom besten gelernt; nämlich von Alistair.
„Der Herr Stallmeisterassitent“, lächelte sie daher breit zurück, genau so viel Hohn in der Stimme, dass man ihn überhören konnte. Ihre Familien mochten sich nicht ebenbürtig sein, aber Sheela hatte am Abend des Balls genug über Alistairs und Vincents verkorkste Welt gelernt, um sich nie wieder von derartigem einschüchtern zu lassen. „Danke der Nachfrage, er war ganz ausgezeichnet. Und deiner?“ Eigentlich war das unverantwortlich. Sie hatte den Hippokratischen Eid geschworen; sie sollte aufpassen, dass niemand auf dieser Schleimspur ausrutschen würde.


[Rückblick | Vincent]

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Alistair Traynor

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Anzahl der Beiträge : 121
Anmeldedatum : 27.02.17

BeitragThema: Re: Kantine   So Nov 04, 2018 7:03 pm

Urlaube waren die perfekte Gelegenheit um allem zu entfliehen. So hatten es die Traynors schon immer gehandhabt. Immer, wenn es irgendwo Stress gegeben hatte, der etwas heikler geworden war, waren sie für eine Weile von der Bildfläche verschwunden, bis sich die Aufruhr gelegt hatte. Eine bewährte Taktik, die auch so mancher Prominente praktizierte. Was war auch groß dabei? Man konnte sich schließlich nicht allen Problemen stellen. Besonders scharf war Alistair allerdings nicht darauf gewesen, den diesjährigen Sommer mit der Familie zu verbringen. Wie alt war er denn bitte? Seit Oxford hatten sie kaum noch zusammen Urlaub gemacht, wenn man von Verwandtenbesuchen absah. Ansonsten waren er und Vincent meist alleine durch die Weltgegend getingelt. Auch für ein ganzes Jahr nach Australien und Neuseeland. Wieso auch nicht. Aber jetzt wieder mit den Eltern so viel Zeit verbringen? Nein, dafür war er nicht gemacht und seine Eltern eigentlich auch nicht. Vielleicht seine Mutter, sie war immerhin „so froh, wenn sie ihre Söhne doch wenigstens ab und zu sah“. ‚Ab und zu‘ bedeutete für Alistair allerdings nicht mehrere Wochen am Stück. Noch dazu mit Vincent. Zwar mochte er seinen Bruder, aber aktuell war es eben etwas schwierig und er wäre froh gewesen, den Sommer allein verbringen zu können. Eigentlich wollte er nichts anderes als seine Ruhe. Dass er nicht ständig auf irgendetwas aufpassen oder irgendjemand Rücksicht nehmen musste, sondern einfach mal vor sich hin leben konnte. Es hatte sich dann immerhin auch relativ schnell herausgestellt, dass sein Vater ebenso noch immer nicht für Familienurlaube gemacht war. Wenigstens sahen sowohl er als auch seine Frau ein, dass ihre Söhne Zeit für sich brauchten und bestanden nicht auf irgendwelche peinlichen Familienunternehmungen, wenn man vom gemeinsamen Abendessen absah. Damit konnte Alistair leben und tagsüber verschlief er den Morgen auf dem Zimmer und suchte sich dann am Strand irgendwo ein Platz, der weitestgehend verlassen war. Da bot die Karibik wenigstens genug Möglichkeiten. Es gab viele Buchten, die nahezu unbesucht waren, weil sie von den Hotels zu weit entfernt waren. Ein kleiner Lauf hatte allerdings noch niemandem geschadet. Dass Alistair nicht immer alleine war, hätte er sich denken können. Natürlich bekam er ab und an Gesellschaft und natürlich war die Hin und Wieder weiblich und im knappen Bikini unterwegs. So entstanden Bekanntschaften, die zu Partys führten, zu Einladungen auf Hausboote und zu Alkohol, dem ein oder anderen Stoff und vielleicht auch mal einem Abstecher ins Schlafzimmer. Dass ausgerechnet sein Bruder an einem Morgen nach einer durchzechten Nacht in sein Zimmer platzte, weil er ein Ladekabel brauchte, war auch mehr blöder Zufall als Karma. Mit vernichtendem Blick hatte Alistair ihn hinausgeworfen und wirklich geredet hatten sie über die junge Latina nicht, die dort bei Alistair gelegen hatte. Auch wenn Vincent seinen fragenden Blick nicht verbergen und Alistair ihm zumindest ein paar Eckdaten geben musste. Vor ihren Eltern hielten sie dann aber doch zusammen und mit keinem Wort erwähnte einer von ihnen die Latina oder gar Daniel. Sie waren immerhin alt genug.

Normalerweise war es immer kalt gewesen, wenn sie aus dem Urlaub zurückgekommen waren. Seychellen und Großbritannien war dann eben doch ein größerer Temperaturunterschied. Hier in Amerika war es dagegen noch immer sommerlich warm, sodass die Pullover wohl noch eine ganze Weile im Schrank liegen würden. Mürrisch war Alistair an diesem Morgen aus dem Flieger gestiegen und Richtung Horizon Ranch gefahren. Natürlich mit Vincent im Schlepptau. Sie hatten sich weiterhin angeschwiegen. Natürlich. Auf dem Hof gingen sie dann getrennter Wege und Alistair fragte sich, warum er sich das wieder antat. Schon als das Teeniegeschrei erklang, flüchtete er in das Cottage und schlug seine Zimmertür hinter sich zu, um ja nicht mit Vincent über diesen Urlaub reden zu müssen. Oder – was noch schlimmer war – Sheela über den Weg zu laufen. Wie sollte er sich ihr gegenüber überhaupt verhalten? Möglicherweise hatte ihm die Sonne etwas zu sehr auf den Kopf geschienen, denn so recht entsinnen, was der letzte Stand bei ihnen war, wollte er sich nicht. Natürlich erinnerte er sich an den Kuss, aber was waren sie? Freunde? Ging das überhaupt, wenn er sie doch angeblich nur verletzte? Anstatt, dass der Urlaub ihn entspannte und seine Batterien auflud, hatte er noch mehr an seinen Nerven gezerrt und der Brite war ins Unendliche gereizt, als er von dem gemeinsamen Abendessen hörte. Er hatte ja sonst nichts zu tun! Lust, in die Stadt zu fahren, und sich selbst etwas zu essen zu holen, hatte er aber auch nicht, also stellte er sich ersteinmal unter die Dusche. Der lange Flug hatte seinem Geruch nicht unbedingt gutgetan. Vor dem Spiegel griff er dann zum Rasierer und entledigte sich des kurzen Bartes, den er über den Sommer nur gestutzt hatte. Seine Locken waren ebenfalls länger geworden und hatten helle Strähnen von der Sonne bekommen. Er fuhr sich durch das dichte Haar und über das nun glattrasierte Kinn. Nicht einmal der Drei-Tage-Bart hatte überlebt. Alistair seuftzte. Es war an der Zeit, dass er sich mal wieder zusammenriss. Also schlüpfte er wie üblich in Hemd und Hose, wenn auch dunkelblaues Baumwollhemd und schwarze Jeans. Er hatte gelernt, dass man hier kaum wert auf Etikette legte und er würde sich sicherlich nicht das Armani-Hemd mit Kantinenessen bekleckern. Als er aus seinem Zimmer kam, war alles ruhig. Nur Maja kam auf ihn zugesprungen, doch mit ihr war er bereits eine ausgiebige Runde gegangen und füllte nun nur noch ihren Napf mit Frischfutter. Dann verließ er das Cottage, natürlich mit Sonnenbrille auf der Nase. Möglicherweise hatte er doch einen Jetlag und möglicherweise hatte er in der einen Woche, die sie zuletzt noch in London gewesen waren, zu viel gefeiert und zu viel dann doch wieder im Geldgeschäft gearbeitet.
Die Kantine war voll und Alistair fühlte sich, als hätte er einen Kater, so unnatürlich laut kam ihm alles vor. Das Geschirr klapperte nervenaufreibend in seinen Ohren. Er nahm sich gerade so viel, dass er vom Essen eventuell satt wurde und zugleich nicht zu viel Kantinenessen in sich hineinstopfte. Dann suchte er sich mit seinem Teller einen Platz am Rand. Erst als er saß, erblickte er einige Tische weiter vorn Vincent und Sheela. Argwöhnisch kniff er die Augen zusammen, doch hinter den getönten Gläsern der Sonnenbrille sah das natürlich niemand. Was zum Teufel hatte sein Bruder vor? Vincent unterhielt sich, ebenso wenig wie Alistair, nicht grundlos mit jemandem. Und dass er Sheelas Gesellschaft suchte konnte nur bedeuten, dass er irgendwas im Schilde führte.
So auf die beiden fixiert bemerkte der Brite nicht, dass sich jemand dem Tisch genähert hatte und ehe er sich versah, saß ein dunkelhaariger Mann vor ihm, den er liebend gerne vergessen und aus seinem Leben verbannt hätte. Daniel hatte sich hingesetzt und gegrüßt. Alistair brachte nicht mehr über sich als ein mürrisches Brummen, ehe er sich seinem Essen zuwandte. Was wollte Daniel nun von ihm? War das irgendein perfider Plan von ihm und Vincent? So allmählich bekam Alistair ein Gefühl für Verschwörungstheorien. Wenn Daniel etwas wollte, dann würde er es allerdings aussprechen müssen, denn als Angehöriger des Altadels konnte Alistair eines besonders gut: Aussitzen und schweigen.
{Rückblick | Vincent | Ankunft | Cottage | Kantine | Daniel}

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Emilia Sterling

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Anzahl der Beiträge : 21
Anmeldedatum : 06.11.18

BeitragThema: Re: Kantine   So Nov 18, 2018 9:34 pm

Es war faszinierend. Die Ferien waren vorbei und in kürzester Zeit ging es auf dem Hof wieder zu wie in einem Bienenstock. Überall surrten und summten Schüler umher. Die Pferde, die mitgenommen wurden, wurden wieder eingestallt und versorgt. Koffer wurden über den Hof in die Zimmer gezerrt.
Die ganzen Ferien über hatte auf der Horizon Ranch dagegen eine angenehme, aber zeitweise auch beklemmende Ruhe geherrscht. Pflichtbewusst wie Emmi war, hatte sie die gesamten Sommerferien auf der Ranch verbracht. Lange Flüge waren ja schon sowieso nicht ihr Ding und dann nur für eine Woche nach hause fliegen – das lohnte nicht großartig. Außerdem musste sie sich auch um genug andere Dinge kümmern, denn schließlich hatten ihre Mitarbeiter auch ab und an mal ein paar freie Tage verdient. Sich selbst nahm Emmi aus der Regelung natürlich aus, typisch Arbeitstier… Zumindest hatte sie alles etwas ruhiger angehen lassen können. Denn im Gegensatz zur Schulzeit gab es ja nachmittags keinen Reitunterricht. So hatte sie sich dann und wann auch mal nach der morgendlichen Runde und dem Versorgen der Pferde, ein oder zwei Stunden mehr Schlaf gegönnt und sich nochmal hingelegt.
Nun war aber die Idylle endgültig vorbei. Aber eigentlich beruhigte es sie auch ungemein, wenn alles seinen gewohnten Gang gehen konnte. Routine war eine ihrer heimlichen Leidenschaften.

Nachdem sie ihre Futterrunde im Stall beendet hatte und alle Pferde soweit für die Nacht mit Futter und Heu versorgt waren, war für die Isländerin erst einmal eine Dusche dran. Das schwüle Wetter war schweißtreibend und die Arbeit im Stall sorgte dafür, dass sich eine feine Schicht aus Staub auf ihrer Haut ablagerte. So war es den anderen gegenüber nur fair, wenn sie nicht in ihren verschwitzten und dreckigen Pferdeklamotten beim Essen auflief. Das kühle Wasser spülte den Dreck des Tages davon und verschaffte ihr dazu auch noch etwas Erleichterung von dem warmen Wetter. Die nassen blonden Haare band Emilía sich locker zu einem Dutt hoch. Föhnen fasste sie bei der Hitze unter Körperverletzung.
In frischen Klamotten und mit einem voll beladenen Tablett setzte Emmi sich an einen der letzten freien Tische in der Kantine. Reisen schien hungrig zu machen. Oder hatten die Schüler das Kantinenessen so sehr vermisst? Sie konnte zwar meistens nicht am Essen meckern, aber es war eben immer noch eine Kantine a.k.a. Großküche. Etwas lustlos begann sie in ihrem Essen zu stochern, steckte sich ab und an einen Happen in den Mund und beobachtete das aufgeregte Treiben unter den Schülern.

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